Archiv für die Kategorie ‘Alltag’

Abgelehnt

Sonntag, 5. Mai 2010

Der Journalisten-Job fasziniert viele. „Ich beneide dich wegen deines Berufs“, bekam ich letzthin zu hören. Der, der dies meinte, wusste im Prinzip wenig darüber, mit welchen Aufträgen und Inhalten ich meinen Lebensunterhalt verdiene. Denn die Begegnung mit Stars und Promis, das Begleiten von Merkel, Westerwelle und Co. während der Auslandsreise ist ja bekanntlich nur einer kleinen Gruppe von Journalisten und Journalistinnen vorbehalten.

Und bekanntlich soll ja jeder Beruf seine Schattenseiten haben. Selbstverständlich gilt dies auch für die journalistische Profession. Zu den Beschwerlichkeiten des Alltags gehören zum Beispiel Recherchen, die einfach nicht vorankommen wollen. Mal hat der Pressesprecher eine wichtige Information in einer Interviewanfrage, die er per Mail bekam, überlesen und nicht die passenden Expertin ans Mikro geholt, mal ist die halbe Nation im Urlaub oder auf der Weihnachtsfeier. Eine studentische Initiative parierte letzthin eine freundlich formulierte Interviewanfrage mit der knappen Antwort: „Abgelehnt“. Immerhin klare Worte. Und die lieben Journalisten ja. Ohne Folgen bleibt sowas trotzdem nicht. Den Abgabetermin im Nacken, wird eifrig zum Telefonhörer gegriffen. Irgendwo muss schließlich jemand aufzutreiben sein, der die benötigten Informationen liefern kann. Mittagspause? Fehlanzeige. Die Suppe erkaltet neben der Tastatur, während die Finger hektisch eine Suchanfrage nach der anderen in die Maschine tippen.

Apropos „Abgelehnt“. Natürlich kann auch die freie Journalistin, der freie Journalist ablehnen. Aufträge zum Beispiel, bei denen Rechercheaufwand und Honorar im krassen Gegensatz zueinander stehen oder Themen, die einfach uninteressant sind. Sie oder er kann selbst bestimmen, in welche Beiträge und Projekte das Herzblut fließt und immer neue Themen finden. So macht der Alltag wieder Spaß – auch ohne Promis, Glanz und Glamour. Oder vielleicht ja gerade deswegen.